Riedemann, Kirchmann-Kallas, Riedemann: Wie unterscheiden sich voll schuldfähige von erheblich schuldverminderten Patienten im Maßregelvollzug gemäß § 64 StGB hinsichtlich individueller und stabiler psychologischer Merkmale? – Einzelartikel aus R&P 2/2026

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In der vorliegenden Untersuchung werden Unterschiede zwischen voll schuldfähigen und erheblich vermindert schuldfähigen Patienten im Maßregelvollzug gemäß § 64 StGB betrachtet. Der Fokus liegt auf psychologischen Merkmalen, die in der forensischen Begutachtungspraxis im Rahmen der Beurteilung des Ausprägungsgrads psychischer Störungen und ihrer Auswirkungen auf die soziale Anpassungsfähigkeit eine Rolle spielen können. Die untersuchte Stichprobe umfasste N = 220 Personen. Erfasst wurden das bevorzugte Suchtmittel (ICD-10: F10–F19), soziale Kompetenzen (ISK), sozial kompetentes Handeln (GAF, BZR), Psychopathy (PCL-R), Emotionsverarbeitungsfähigkeit (EPS) sowie Intelligenz (WAIS-IV). Zusätzlich wurden moderierte Effekte geprüft. Der Zusammenhang zwischen dem bevorzugten Suchtmittel und der Schuldfähigkeitsbeurteilung wurde mittels Fisher’s Exact Test überprüft; die übrigen Prädiktoren wurden in eine logistische Regressionsanalyse einbezogen. Es zeigten sich signifikante Zusammenhänge für das bevorzugte Suchtmittel (p < .001), die Anzahl an BZR-Einträgen (p = .025), den GAF-Wert (p = .018) sowie für die Intelligenz (p = .020), wobei die Richtung des Intelligenzeffektes nicht der Hypothese entsprach. Eine höhere BZR-Belastung und ein niedrigerer GAF-Wert waren mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für die Feststellung einer erheblich verminderten Schuldfähigkeit assoziiert. Die Befunde zeigen Unterschiede in stabilen psychologischen Merkmalen zwischen Personen, die nach gerichtlicher Einschätzung voll schuldfähig bzw. erheblich vermindert schuldfähig eingestuft wurden. Die Ergebnisse sind als explorative Hinweise auf gruppenbezogene Zusammenhänge zwischen solchen Merkmalen und bestehenden Schuldfähigkeitseinstufungen zu verstehen und erlauben keine Rückschlüsse auf den psychischen Zustand zum Tatzeitpunkt im Einzelfall.
Schlüsselwörter: Steuerungsfähigkeit, Begutachtung, Persönlichkeit, Funktionsbeeinträchtigung, soziale Anpassungsfähigkeit