Das Narrativ »Rituelle Gewalt«
Verschwörungsmythen und toxische Beziehungen in Psychotherapie und Beratung
Wie therapeutische Annahmen Erinnerungsprozesse und Selbstwahrnehmung prägen
Das Narrativ »Rituelle Gewalt« hat die öffentliche Debatte um sexualisierte Gewalt sowie die Fachdebatten um Kinderschutz, Traumatherapie und Beratung polarisiert. Es berührt nicht nur grundlegende Fragen in Bezug auf sexualisierte Gewalt, es wirft zum Teil auch falsche Fragen in Bezug auf die Glaubhaftigkeit von Betroffenenberichten auf. Im Buch wird die verhärtete Polarisierung überwunden und eine verbindende fachliche Haltung vertreten, welche die Anerkennung von Gewalterfahrungen mit einer kritischen Prüfung ungesicherter therapeutischer Interpretationen, suggestiver Prozesse und diagnostischer Engführungen verschränkt.
Diese Studie lenkt den Blick auf Patient*innen, die in ihrer Kindheit und Jugend Traumata erlebt haben, von denen sie den Behandelnden berichten. Problematisiert wird die Vermutung, die Patient*innen müssten Schlimmeres, »rituelle Gewalt«, erlebt haben, um ihre Symptomatik erklären zu können. Anhand narrativer Interviews mit Betroffenen, Angehörigen und Fachpersonen sowie von Behandlungsdokumenten wird rekonstruiert, wie − untermauert durch die Diagnose einer Dissoziativen Identitätsstörung − eine gemeinsame Suche nach vermeintlich nicht erinnerten Gewalterfahrungen in Gang gesetzt wird. Dabei können Annahmen über geheime, reiche und mächtige Tätergruppen, »Mind Control«, Programmierung und Amnesien zu fortbestehenden Gewalterfahrungen zwar scheinbar Erklärungen und Orientierung bieten, aber auch Selbstwahrnehmung, soziale Beziehungen, Autonomie und Teilhabe der Betroffenen tiefgreifend beeinträchtigen. Aus der Analyse therapeutischer Verstrickungen und toxischer Behandlungsdynamiken wird abgeleitet, wie eine reflektierte, wissenschaftlich fundierte und ethisch verantwortungsvolle Therapie von Traumafolgestörungen und Dissoziativen Identitätsstörungen aussehen kann. Gerade die Kapitel über Gedächtnis, Suggestion, Beweisproblematik, professionelle Verantwortung und die Schlussfolgerungen für die therapeutische Praxis dürften neben den erschütternden Interviews und Dokumenten Interesse hervorrufen.




