Weber, P.: Lebenslagen – Anna gönnt sich ein wenig Luxus … … – Gratisartikel aus SI 2/2025

Anna ist 61 Jahre alt, ledig und kinderlos. Sie lebt allein und ohne Beziehung in einer gut geschnittenen und gemütlichen Dachgeschosswohnung von 42 qm. Es gibt eine kleine Küche, ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer und ein Bad. Im Flur ist in einer Nische ein kleines Büro eingerichtet. Die Wohnung liegt in einem Mehrfamilienhaus in einer Kleinstadt im Osten von Deutschland. Im Haus gibt es mit Anna vier Mieter, sie ist die jüngste. Sie wohnt hier schon seit 1998.
Im Frühjahr 1984 nach einem Schwangerschaftsabbruch hat Anna erstmalig Stimmen gehört. Seitdem ist sie bis heute immer wieder erkrankt, hatte Wahnvorstellungen, Depressionen und war 1989 das erste Mal für sechs Monate in stationärer Behandlung, die letzte 2021 in einer Tagesklinik.
Anna ist starke Raucherin und leidet unter einem Lungenemphysem.
Seit 1995 ist Anna bis heute immer wieder in psychotherapeutischer Behandlung, aktuell einmal in der Woche. Beim Gespräch mit dem Psychiater werden vierteljährlich die Medikamente abgesprochen. Seit 1997 hat sie schon unterschiedliche Tagesstätten besucht, aktuell wieder seit 2022. Die Sozialarbeiterin vom ABW kommt einmal die Woche und über den bei ihr festgestellten Pflegegrad 1 nimmt sie eine Haushaltshilfe in Anspruch. Es besteht ein Schwerbehindertengrad von 80 %.
Sie hat einen Realschulabschluss und anschließend, nach dem Wunsch ihrer Mutter, eine Ausbildung zur Steuerfachangestellten begonnen. Eigentlich wollte sie aber Krankenschwester werden. Sie hat die Ausbildung abgebrochen und war danach einige Zeit arbeitslos. Seitdem kam es immer wieder zu kurzfristigen Arbeitsversuchen im Wechsel mit Krankheitsphasen.
In der Zeit von 2004 bis 2014 war sie politisch engagiert, hat in ihrer Stadt die Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG) mitgegründet, aus der sich dann die Partei »Die Linke« bildete. Anna war Vorsitzende des Stadtverbandes der Partei und fünf Jahre in der Ratsfraktion der Stadt tätig. Ihr Arbeitsschwerpunkt lag im Finanzausschuss, der Pressearbeit und der Gremienarbeit in den Stadtverbänden von ver.di und DGB (als Frauenvertreterin). Zudem hat sie eng mit der kommunalen Gleichstellungsbeauftragten zusammengearbeitet.
Anna bezieht eine Erwerbsunfähigkeitsrente von 804,86 Euro plus Kindergeld (für erwachsene behinderte Kinder) 250,00 Euro im Monat. Neben der Kaltmiete von 340,81 Euro hat sie noch Ausgaben für Heizung, Strom, Versicherungen, GEZ, und DSL/Handy von ca. 250,00 Euro, sodass ihr monatlich ca. 465,00 Euro zur Verfügung stehen. Anna benützt den ÖPNV, manchmal auch Fahrrad oder geht zu Fuß. Sie besitzt ein Laptop, hat ein Festnetzanschluss und ein Smartphone, das sie aber nur zum Telefonieren und für SMS nutzt. Zudem betreibt sie einen Blog über Wordpress, der aber nicht öffentlich ist.